Produzentenstatement

Stellungnahme zum Filmprojekt "Havarie", Regie: Philip Scheffner

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchten wir - Regie und Produktion sowie die Koproduzenten - Sie über eine grundlegende Konzeptänderung im Lauf der Schnittbearbeitung des Dokumentarfilms "Havarie" (AT) von Philip Scheffner informieren. Die Änderungen sind als Ergänzung und Update zu unserem letzten Schreiben und Konzept an Sie mit Datum vom 6.1.2015 zu verstehen. Alle Dreharbeiten wurden wie im Konzept vom 6.1.2015 beschrieben, erfolgreich durchgeführt. Das entstandene Videomaterial liegt vor und ist weder technisch noch künstlerisch zu beanstanden.
Jedoch hat sich die politische Lage und auch die Informationspolitik hinsichtlich der Situation im Mittelmeer seit Oktober 2014 zunehmend verschärft, ein Umstand, den der Regisseur Philip Scheffner weder ignorieren kann noch will. Wir stellen mit großer Besorgnis fest, dass die Bilder von Menschen in Booten, die sich infolge der europäischen Grenzpolitik in Lebensgefahr begeben müssen, um ihre Zukunft und die ihrer Familien zu sichern, heute - ein Jahr später - zu unserem Alltag gehören. Wir finden uns damit ab, dass diese Bilder Woche für Woche im Fernsehen erscheinen. Hilflosigkeit macht sich breit, im besten Fall das Gefühl: "Wir können nichts tun" - im schlimmsten Fall Angst, die dazu führt, dass ebenfalls jede Woche Flüchtlingsunterkünfte brennen.
Wir wollen in dieser Situation kein beobachtendes Filmessay machen, das die Portraits von fünf Menschen miteinander verknüpft und dem Zuschauer oder der Zuschauerin die Möglichkeit gibt, das individuelle Bild vor das einer anonymen "Menge" zu schieben. Philip Scheffner hat sich dafür entschieden, den filmischen Raum, in dem sich die fünf Protagonisten begegnen, radikal umzugestalten.

Auf der Bildebene zieht sich der filmische Raum zu einer einzigen, ungeschnittenen Sequenz zusammen, die sich über die gesamte Laufzeit des Films erstreckt. Es ist die Aufnahme von Terry Diamond, der kurze Youtube-Clip, der den Ursprung für das Projekt "Havarie" gebildet hat, der uns heute wie die Essenz, die Verdichtung der Situation auf dem Mittelmeer erscheint. In Einzelbildern wird das Schlauchboot mit 13 Gestalten an Bord zur Ikone der täglichen Nachrichtenbilder, wir sind gezwungen hinzusehen, uns mit der Perspektive (von oben), der Unkenntlichkeit, dem stummen Winken der Leute auf dem Boot, auseinanderzusetzen.  In der Spiegelung des Wassers und der Verlangsamung des Materials entstehen "Geisterbilder": das Schlauchboot scheint sich zu vervielfältigen, sich unserem Zugriff zu entziehen, am Ende verschwindet es sogar aus dem Blickfeld. Und letztlich erspart der Film uns auch nicht den Schwenk auf die eigene Position: das riesige Schiff, Glas und Stahl, die Touristen, die auf den Punkt in der Ferne starren.
Wir sind By-Stander. Wir haben uns darin eingerichtet. Der Film "Havarie" macht uns das schmerzlich bewusst.
Wie im Konzept beschrieben, öffnet auf der Tonebene der reale Funkverkehr zwischen dem Kreuzfahrtschiff "Adventure of the Seas" und der spanischen Küstenwache vom 14.9.2012 den Soundscape und gibt die dramaturgische Zeitachse vor. Eingebettet in diesen Soundscape führt die Kette von Begegnungen mit den Protagonisten wie geplant gleich einer Reise über das Meer von einer Person zur nächsten: Die Liebesgeschichte zwischen Rhim und Abdallah Benhamou, die durch das Mittelmeer getrennt wurden, Abdallahs Fahrt über das Meer, vorbei an einem Containerschiff, auf dem der ukrainische Kapitän Leonid Savin mit seiner russisch-ukrainischen Besatzung und einer Handvoll philippinischer Matrosen Container zwischen Algerien und Spanien transportiert. Die Offiziere sprechen beim Essen lieber nicht vom Krieg in der Heimat, während die Matrosen das Lied vom verlorenen Sohn singen, das an die Geister der Toten auf dem Mittelmeer erinnert. Dasselbe Lied spielt die Band auf der "Adventure of the Seas", wo Guillaume Coutu und seine Frau Emma leben und arbeiten. Das Leben an Bord gleicht einem Freeze Frame, einem Standbild, in dem Zeit und Ort verloren gehen. Guillaume erinnert sich an die Begegnung mit dem Schlauchboot, den Moment der unwahrscheinlichen Begegnung "aus dem Nichts". Gefilmt hat das damals, 2012, der irische Tourist Terry Diamond, ein Sicherheitsmann aus Belfast, dem das Beobachten in Fleisch und Blut übergegangen ist. Nacht für Nacht hofft er, dass nichts passiert. In einer Stadt, deren Straßen vom Rollen der Panzer widerhallten, in der sein bester Freund vor seinen Augen erschossen wurde. Das ging ihm durch den Kopf während der 90 Minuten, in denen er vom obersten Deck des Kreuzfahrtschiffes das Schlauchboot in der Ferne beobachtet hat. Das Schlauchboot, dessen Passagiere er nicht erkennen konnte. In dem Abdallah Benhamou gesessen haben könnte, zerrissen von der Entscheidung, auf die Dunkelheit zu warten und das Leben eines Schwerkranken aufs Spiel zu setzen. Oder aber diesen zu retten, sich und die anderen Männer verhaften zu lassen und Abschiebung, Einreisesperre und Gefängnis zu riskieren.

Die Tonebene des Films bleibt nicht abgekoppelt vom Bild. Die Geschichten nähern sich dem Bild inhaltlich an, es scheint sich durch die unterschiedlichen Perspektiven immer wieder zu wandeln, die eigene Distanz zum Geschehen wird unterschiedlich wahrgenommen, je nachdem, wer gerade spricht. Ab der Mitte des Films gibt es überraschende Momente der Synchronizität, um dann wieder den Raum für Assoziation, Verbindung, Vermutung zu öffnen.

Der Veränderung des Films in seiner oben beschriebenen Form wird nach einer internen Sichtung sowohl vom deutschen Verleih mitgetragen, als auch von der zuständigen ARTE Redakteurin unterstützt. Zudem haben wir heute zu unserer großen Freude die Nachricht bekommen, dass der Film in seiner jetzigen Form für die Berlinale (Forum) 2016 ausgewählt wurde. (Diese Nachricht bitte unbedingt absolut vertraulich behandeln, da das offizielle Programm ja immer erst kurz vor der Berlinale bekannt gegeben wird).

Auch wenn das gedrehte Bildmaterial letztlich nicht im Film erscheint, wird die Situation des Drehens im Sprechen der Protagonisten deutlich, steigert sich zur Intensität eines inneren Films, wird zum "Kino im Kopf".  Wir können uns vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt begleitend zum Film, z.B. in Form einer installativen Arbeit im Kunstkontext, die Bilder der Protagonisten, der Schiffe, des Schauplatzes Mittelmeer, die der Film selbst nicht gewährt, einzusetzen. Wir wollen sie nicht bewusst verstecken oder vorenthalten, aber wir möchten den Impuls des Wegschauens, das Hinwenden zu individuellen, erfassbaren, erträglichen Bildern für eine Filmlänge unterbrechen.

Am 15.09. hat die Kinomischung stattgefunden und am 23.09. war Picture Lock der Farbkorrektur – beide Termine können von unseren Studios bestätigt werden. Die Frist zur Abgabe der Nullkopie konnten wir beim DFFF auf den 15.12.2015 verlängern.

Für Rückfragen, Feedback und Kritik steht Philip Scheffner sowie alle beteiligten Produzenten und Koproduzenten unter den bekannten Email-Adressen gerne zur Verfügung.

Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Verständnis,
Berlin, den 30.9.2015

Merle Kröger und Philip Scheffner / pong film GmbH
im Namen des gesamten Teams