Nicole Wolf

Meerblick
London, Januar 2016

„Man wartet immer. Es ist eine ständige Warterei. … Man ist immer am Anschlag. … Und manchmal wird man abgelenkt von Bildern, die für die Sicherheit nicht relevant sind. Man lässt sich ablenken. Und schon verpasst man etwas anderes. Man muss immer auf dem Sprung sein. Man muss die Wachsamkeit in Person sein.” - Terry Diamond

Es gibt keinen Anfang, und es gibt kein Ende. Wenn wir nach neunzig Minuten das Kino verlassen, wird das Boot immer noch dort sein, ein Boot zumindest. So ist das Leben. Keine Pausen.
HAVARIE gibt uns genau diese neunzig Minuten, um dem Leben aufmerksam beizuwohnen, um hinzusehen und zu hören. Sonderbarerweise ist es gerade der festgelegte Standpunkt unseres Blickes, der es uns erlaubt, ein Stück zurückzutreten hinter unsere gewohnte Zuschauerposition. Sonderbarerweise öffnet sich ein Raum, während wir auf die Oberfläche des Meeres blicken; sogar mehrere Räume, mehrere Lebensräume. So kommt es, dass wir in diesen Räumen hören und sehen. 3,36 Minuten werden gestreckt: Terry Diamonds gefilmte Beobachtung der zufälligen Begegnung eines massiven stählernen Kreuzfahrtschiffes und eines kleinen Gummibootes, in dem dreizehn Männer sitzen, wird mit Zeit angereichert, während wir auf die verschiedensten Lebensräumen stoßen und diese wiederum aufeinander. Während Zeit sich entfaltet, falten sich Lebensgeschichten ineinander und in den Raum des Meeres.
Funkwellen tragen die Kommunikation zur Rettung und zur Erfassung des Harraga-Bootes und sie durchdringen jeden neu eingeführten Lebensraum – die Politik des Meeres legt sich schwer auf das Leben vieler, auf unser aller Leben.

 

„Dieses Meer da trennt mich von meiner Frau.“ – Abdallah Benhamou

Der Ton, in dem wir hören, erzeugt Räumlichkeit und intensive Präsenz, nur  ermöglicht durch die Verpflichtung zur sorgfältigen dokumentarischen Recherche, bei der den Wegen genau derjenigen nachgegangen wird, die in eben jenem Boot saßen, derjenigen die in diesem Boot hätten sitzen können, bzw. derjenigen, die diesen Menschen hätten begegnen können.
Dass wir Bilder assoziieren ist nicht beiläufig. Dass wir Personen und Verhältnisse wie hautnah erfahren, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis brillanter politisch-ästhetischer Entscheidungen. HAVARIE bietet uns sehr genau gewählte Fragmente, die immer wieder öffnen, niemals schließen, und die an keiner Stelle ein Bild ermöglichen, das sich vor unseren Blick drängen würde, noch ein Gegenüberstellen von Ruf und Gegenruf, das die Imagination eines Lebens limitieren oder definieren würde.

 

„Wie trostlos. Alle sind weg.“ – Rhim Ibrir

Die Präzision der Fragmente akzentuiert die Spezifik und die Lokalisiertheit derjenigen, denen wir begegnen, und der Konflikte, in und mit denen sie leben. Die Tötung eines Freundes durch die Britische Armee in Irland, die Angst um einen Sohn, der in Russland zum Militär eingezogen wird, der Terrorangriff vor dem Haus in Algerien, der nie endende Rückenschmerz und das endlose Warten – warten auf das Visum, warten auf Zuhause, warten auf verlorene Seelen, warten, dass hoffentlich nichts passiert, damit es eine friedliche Nacht bleibt, warten, bis das Handy klingelt.

 

„Das Wichtigste ist, dass ihr gesund bleibt; dass es den Kindern gut geht. Ja, und dass es endlich Frieden gibt.” – Leonid Savin

Für neunzig Minuten sind wir als Zuschauer unsere eigene Sehnsucht. Doch auch wir warten und begegnen dabei anderen, auf der Suche von Erinnerungsbildern. Während sie sich erinnern, versuchen wir, mit ihnen zu sehen: Delphine ebenso wie Flugzeuge, die absichtlich versuchen, das Boot zum Kentern zu bringen. Die vorsichtige Verbindung von miteinander verwobenen inneren und äußeren Konflikten vermittelt – im Gegensatz zu der Abfolge von Nachrichten, die miteinander konkurrieren – ganz ausdrücklich nicht den Anschein von Gleichheit, sondern bietet an, Relationen zu sehen und zu setzen, als politische Entscheidung.
Das Singuläre eines jeden Details wird auch durch die klare Trennung unserer Sinne mitgetragen, der Trennung des Sehens, des Hörens und des körperlichen Affekts. Im Moment des sich Wiederzusammenfügens erscheint dadurch eine gewaltige Turbulenz zu entstehen, die mit Vehemenz den Konflikt in unserem eigenen Körper lokalisiert. Wir sind konfrontiert damit, nur Zuschauer und dabei doch auch im Netz der globalen Krise verfangen zu sein.

 

„Ich weiß nicht, ob wir ein Symbol der Hoffnung waren.” – Guillaume Coutu-Lemaire

Parallel zu einem radikalen Umdenken in Bezug auf die Ergiebigkeit des Storytelling in dokumentarischen Arbeiten; findet gleichzeitig die explosive Transformation eines 3,36 Minuten langen, im Internet gefundenen, digitalen Videos statt, in etwas, das wie unbändiges Experimentieren mit 16mm-Film wirkt. An einem bestimmten Punkt strömt die Leinwand und damit unser Gefühl für den eigenen Körper im Angesicht der Leinwand über – eine Explosion von Farben, die blendende Sonne, die grellen Reflexionen des Lichts auf dem Kreuzfahrtschiff und die mitreißende Wirkung eines philippinischen Liedes. Wir werden brutal auf unseren Platz zurückgeworfen und gleichzeitig in der Kristallisation genau jener Situation gebadet, deren Zeuge und zu deren Teil wir geworden sind.

 

„Und wenn ich dir sage: Noch eine letzte Reise, und dann ist Schluss?” – Houcin Ouahiani

Die Tatsache, dass wir neunzig Minuten lang auf das Boot mit dreizehn Personen schauen, die die Entscheidung getroffen haben, ihr Leben zu riskieren – „wir können nur vermuten“ –, führt keineswegs dazu, dass wir dann endlich sehen. Ganz im Gegenteil wird die Möglichkeit zu sehen in Frage gestellt, und auch die Frage steht im Raum, ob wir wirklich sehen wollten. Diese Zeit könnte jedoch ebenso vermitteln, dass wir kein Bild oder keine Geschichte brauchen, um uns in Bezug zu setzen.

 

„Ich mag das Geräusch der Wellen. Ich vermute, es gibt einem das Gefühl von Frieden. Und so sollte das Leben sein.“ – Terry Diamond

HAVARIE ist daher ein Blick im Raum geopolitscher Regierungsstrukturen, im Raum von Arbeit, von tiefer Sehnsucht, von geduldigem Warten, von Flucht, von brutalen Entscheidungen, von Leben, Tod und Geistern und von fehlenden Denkmälern. Teilweise ist dieser Blick jedoch auch ein Ort an den Rändern nationalstaatlicher Politik, ein Möglichkeitsraum, für Fiktion und für eine Umsortierung von Relationen und Perspektiven. HAVARIE gibt uns Zeit und bietet uns damit das wertvolle Geschenk, aufmerksam zu sein, uns treiben zu lassen, frei zu assoziieren, Unbehagen zu spüren und die Anstrengung zu erfahren, sich in Beziehung zu setzen.
Wenn wir das Kino verlassen, für ein anderes Bild, ist das Boot immer noch dort. Aber vielleicht hatten wir einen kurzen Einblick in die Möglichkeit der Verschränkungen unserer Beziehungen, der Autonomie unserer Vorstellungskraft und in die Möglichkeit, selbst entscheiden zu können, wie wir uns in Relation setzen wollen. Realer kann es nicht werden.