Avery F. Gordon

Augenkontakt halten
Berlin, Januar 2016

HAVARIE beginnt mit der nautischen Positionsangabe 37º 28,6ʼN0º 3,8ʼE und einem schwachen, tickenden Geräusch. Die Koordinaten verraten, wo sich das kleine Boot, das wir sehen, befindet. Ein junges Mädchen von zwölf Jahren steht am Fenster und beschreibt auf Französisch etwas, was mit ihrem Vater geschieht und sie erschreckt. Es hat mit zwei Männern und einem Auto zu tun. Sie sieht zu, kann aber nicht eingreifen, um zu helfen. Wir sehen aus der Ferne ein kleines Boot voller Menschen, das bei strahlendem Sonnenschein über das ruhige, blaue Meer gleitet. Es wird fünfundvierzig Minuten dauern, bevor die Kamera sich dreht und wir zum ersten Mal den Punkt sehen, von dem aus wir das kleine Boot beobachtet haben. Die Situation, die Mise en Scène ist jetzt klarer, aber dieser Kameraschwenk sorgt zugleich für eine entscheidende Veränderung des Bildes, für eine dramatische Veränderung der Farbe und Stimmung, als sei ein Sturm aufgekommen, bevor der Blick sich wieder der ruhigen, blauen See zuwendet. Es handelt sich um eine Art Warnung an die Zuschauer. Zwischen ihnen und den Männern im Boot bleibt eine große Entfernung bestehen. Ein minimaler Kontakt wird hergestellt, aber die Entfernung bleibt, und die Ambiguitäten werden nicht aufgelöst.

Im September 2012 begegnete das Kreuzfahrtschiff „Adventure of the Seas“ dreizehn algerischen Flüchtlingen, die auf einem Schlauchboot auf dem Weg nach Spanien waren. Die verantwortlichen Besatzungsmitglieder auf dem Schiff nahmen Kontakt mit der spanischen Küstenwache auf und baten um die Erlaubnis, die dreizehn Männer an Bord zu nehmen. Daraufhin wurden sie aufgefordert, auf das Luft- und Seerettungsteam zu warten, das kommen werde, um die Männer in ein Gefängnis zu überstellen, aus dem sie einen Monat später nach Algerien deportiert werden würden. Das Kreuzfahrtschiff wartete anderthalb Stunden; zur Freude einiger der Passagiere wurde ein kleines Boot mit Wasser und Verpflegung hinüber zu den Männern geschickt, die auf dem Meer trieben. Das Warten wurde von Passagieren des Kreuzfahrtschiffes, die auf der Backbordseite standen, gefilmt und bildet nun einen der sehr kurzen Filme, aus denen sich die Bilder von Philip Scheffners HAVARIE zusammensetzen.

Das Schlauchboot wartet und das Kreuzfahrtschiff wartet, und beide stehen in Blickkontakt miteinander. Wir beobachten, wie sie sich beobachten und warten ebenfalls. Die See ist blau und ruhig, und die Sonne scheint. Manchmal ist das Boot nur schwer auszumachen: Es verschwindet im Hintergrund, seine Umrisse werden undeutlich, dann kommt es wieder in Sicht. Die Männer im Boot warten mindestens neunzig Minuten lang, vielleicht auch mehr, wir sind uns da nicht sicher. Wir warten neunzig Minuten. Ruhig und methodisch, mit jener Verbindung aus kritischer Präzision, politischer Intelligenz und unerschütterlicher Zugewandtheit den beteiligten Personen gegenüber, die alle Filme Philip Scheffners charakterisiert, zwingt einen HAVARIE zum Warten, zum Erleben einer anderen Dimension von Zeit als der in den Nachrichtensendungen, in denen solche Bilder normalerweise gezeigt werden. Der Film zwingt zum Warten und zum Zuhören. Man muss sehr genau zuhören. An irgendeinem Punkt erkennt man, dass man aufhören kann zuzuschauen, aber nicht zuzuhören.

Ich stehe am Fenster.
Was hast du heute gemacht?
Ich habe keine gültigen Papiere.
Ich würde gerne hier bleiben
Schicksal – alles ist blockiert
Ich habe mich in sie verliebt
Es ist mein Schicksal
Halte Blickkontakt!
der Vollmond der Nacht, in der wir aufbrachen
Ich liebte die Delfine, das Meer war ruhig, die Delfine spielten
Neuigkeiten zu meinem Visum
handele jetzt
William Wallace segelt auf offenem Meer, hurra!
Das Meer ist gefährlich
aus freien Stücken
Geister leben an verlassenen Stellen, in den Schlupfwinkeln des Meeres
Harraga ist unser Motto
der Himmel und das Wasser
o Barcelona
ein friedlicher Fischer
blinde Passagiere
gute Wacht
es gibt keinen Frieden
kommt bitte schneller
permanentes Warten
einunddreißig Jahre auf See
das Schiff ist sehr weit draußen
Ich hörte, dass Menschen, die aus Libyen aufbrachen, zu Tode kamen
die Geister gehen noch um
lasst uns wieder singen
Morgengruß von der Brücke
wenige Sterne
rund vierzig Minuten
von Hafen zu Hafen
welche Position?
kann mich an ihre Gesichter nicht erinnern
jung
Fußverletzung
aus dem Nichts
eine gute Nacht ist die, in der nichts geschieht
am Rand immer Hilflosigkeit Wut
setz deine Reise fort nach dem Hubschrauber
du brauchst die Entflohenen nicht zu fürchten
so sollte das Leben sein
Menschen
beginnen zu versuchen sich vorzustellen
recht drastisch
Winken
das Bild erweckt Erinnerungen
drei Tage auf See Windstille Maschinenschaden Regen
der in der blauen Jacke Gefängnis Spanien der vorn aus Constantine,
der immer singt, krank
starb blieb gelbe Jacke ebenfalls arme Gefängniswaise
die Berge Spaniens wollten aufhalten, er muss nach Europa
verhaftet Landung wieder das Barcelona-Lied
Zusammenarbeit Dank
weiter auf See

Was hört man? Wasser läuft, jemand macht Kaffee oder Tee, Autolärm, Sirenen, Telefonklingeln, das Öffnen von Autotüren, Stimmen aus einem Café, Wellen, Motoren, Händeklatschen, Husten, Regen. Wie man es in einem Film von Scheffner erwartet, wird Blickkontakt mit dem Schiff gehalten, das wir hören. Und wir hören auch die Vögel und vor allem den Atem und die Seufzer von Rhim und Abdallah. Die Stimmen sind dem Ohr sehr nahe, es entsteht eine kaum erträgliche Intimität. Ich selbst halte als Reaktion meinen Atem an.

Was hört man? Die Arbeit der Männer auf See; die See als eine kollektive Fluchtroute mit dem Ziel, dass es mit etwas – der Liebe, der Arbeit, der Gesundheit, Ideen, Entscheidungen, Frieden – besser wird als dort, wo man von Staatsgrenzen eingeschlossen und bewegungsunfähig gemacht wird.

HAVARIE erschafft eine poetische Sprache für die Festung Europa, die zugleich sehr genau und sehr schön ist. Für mich entsteht die Schönheit aus jener Präzision, aus der uneingeschränkten Aufmerksamkeit für das Schicksal jener dreizehn Männer im Boot und der Tausenden, die auf ähnliche Weise jedes Jahr das Mittelmeer überqueren und von denen Hunderte sterben. Bemerkenswert an

HAVARIE ist, dass diese Aufmerksamkeit hergestellt wird, ohne dass wir auch nur die Namen der dreizehn Flüchtlinge erfahren, ohne einen Erzähler, der die Teile so zusammenfügt, dass wir eine Geschichte daraus machen können. Wie das funktioniert, ist schwer zu erklären, insbesondere jemandem, der den Film noch nicht gesehen hat. Ein Teil der Erklärung liegt in der poetischen Sprache des Films, dem Aufbau seiner Bild- und Klanglandschaften, die, wie
in allen Filmen Scheffners, die Zuschauer zum Nachdenken über das zwingen, was sie sehen und warum ihnen das so gezeigt wird. Das Nachdenken, das in diesem Film gefordert ist, fällt schwerer als in Scheffners früheren Filmen, und zwar nicht, weil das Thema schwieriger wäre, sondern weil man mehr auf sich allein gestellt ist. Vielleicht muss das auch so sein in einerSituation, in der man zwar Blickkontakt hält, aber immer aus der Ferne – einer Ferne, deren Längen- und Breitengrad sich nicht im Meer auffinden lässt, sondern in den sozialen und politischen Bedingungen, die das Meer zu einer lebensgefährlichen Fluchtroute machen.